Chronologie

1270 (ca.)In Wulfertshausen bei Friedberg geboren
1290 (ca.)Auf Schloss Wellenburg gestorben
1450 und 1464Erneuerung der Grabkapelle
1492Ihr Leib im Chor der Kapelle beigesetzt
1507Wellenburg mit Radegundiskapelle im Besitz des »Edlen v. Wellenburg«, Dompropst Matthäus Lang
1521Bau einer neuen gotischen Grabeskirche durch Kardinal Matthäus Lang. Prägung des ersten Radegundis - Talers
1595Schloss Wellenburg mit St. Radegund wird Eigentum der Grafen Fugger
1682Stiftung der 15 Radegundistafeln
1691Gebeine erhoben, zum Skelett zusammengefügt und im »Heiligtumskasten« erstmals gezeigt durch Graf Anton Joseph Fugger
1772Neufassung der Reliquien und in einem Rokoko-Schrein zur Verehrung ausgestellt
18. Juli 1810Schwerer Schaden an der Kirche durch einstürzenden Turm bei Unwetter. In ganz Bayern staatliche Maßnahmen gegen das Wallfahren und die Wallfahrtsorte (Säkularisation)
30. September 1810Schenkungsurkunde des Fürsten Anselm Ma­ria Fugger betr. Radegundisleib und Kircheninventar nach Waldberg
05. August 1812ÜBERFÜHRUNG DES RADEGUNDISLEIBES NACH WALDBERG. Vituskirche als Provisorium
1817Abbruch des romanischen Vituskirchleins. 1817/18 Bau der Pfarrkirche zu Waldberg unter dem viele Bettel­fahrten unternehmenden Pfarrer Benedikt Schregle
12. Oktober 1818Erster Gottesdienst in der neuerrichteten Kirche als Requiem für den mit 40 Jahren an »Nervenfieber« gestorbenen Priester Benedikt Schregle
25. Dezemberg 1819 Pfarrkuratie Waldberg errichtet, 1936 zur Pfarrei erhoben
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Geschichte

RADEGUNDIS, auch Radiana genannt, wurde nach der Überlieferung in Wulfertshausen bei Friedberg geboren und diente später während der Regierungszeit des Bischofs Wolfhart von Roth (1290 - 1302) als Viehmagd auf Schloss Wellenburg, das damals dem Augsburger Geschlecht der Portner gehörte. Die Legende berichtet, dass sie einen frommen und tugendsamen Lebenswandel führte und sich mit besonderer Liebe der Aussätzigen im Siechenkobel am Fuße des Schlossberges annahm. Sie wusch und kämmte die Kranken und versorgte sie mit übriggebliebenen Speisen und Getränken.
Auf ihrem Liebesgang zu den Kranken von ihrem Dienstherrn eines Tages befragt, was sie in ihrer Tasche trage, antwortete sie verängstigt, sie gehe dorthin, um den Aussätzigen »nach Gewohnheit zu zwagen« (die Köpfe zu waschen), und als dieser gar noch die Tasche untersuchte, »ward die Milch in eine resse Laug und der Butter zu einem Kamb oder Streel verkehret. Da nun der Herr seinen Weg fortgezogen, haben gemelte Sachen ihre vorige alte gestallt wider bekommen« (Verwandlungswunder).
Ein Opfer ihrer Liebestätigkeit wurde Radegundis, als sie vom Schloss durch den Wald zum Leprosenhaus hinunterging, von hungrigen Wölfen angefallen und lebensgefährlich verletzt wurde. Zwei Diener fanden sie und brachten sie zum Schloss, wo sie drei Tage später eines erbaulichen Todes starb.
Ihr Dienstherr wollte Radegundis in der Familiengruft der Portner in Augsburg beisetzen lassen, aber die Pferde, die den Leichnam dorthin bringen sollten, blieben in der heutigen oberen Maximiliansstraße stehen und waren nicht mehr zum Weitergehen zu bewegen. Darin und nach inbrünstigem Gebet des Volkes in der nahen St. Ulrich- und Afrakirche, erkannte man den Willen Gottes, dass Radegundis an anderer Stelle begraben werden sollte. Man brachte sie nach Wellenburg zurück und bespannte den Leichenwagen mit zwei ungezähmten Ochsen, die man führerlos des Weges ziehen ließ. Durch himmlische Leitung liefen sie den Schlossberg hinab und blieben beim Siechenhaus stehen (Gespannwunder). Dies galt als Zeichen, dass Radegundis an der Stätte ihrer frommen Wirksamkeit auch ihre letzte Ruhe finden wollte, und man begrub sie dort. Über ihrem Grab, an der Stelle des heutigen Weilers »Radegundis«, wurde eine Kapelle errichtet, die um 1450 von Bischöfen und Kardinalen mit Privilegien bedacht und in der auf Anordnung des Bischofs von Augsburg, Friedrich von Zollern, 1492 eine Umbettung der Radegundisgebeine von dem Platz bei der Kapellentüre in den Chorraum vorgenommen wurde.
1507 erwarb das Schloss mit seinen Besitzungen der Augsburger Dompropst Matthäus Lang, der von Kaiser Maximilian I. den Ehrentitel »Edler von Wellenburg« und später als Fürstbischof von Salzburg (1519 - 1540) die Kardinalswürde verliehen bekam. Er ließ an Stelle der bisherigen Radegundiskapelle eine größere gotische Kirche bauen und anlässlich ihrer Weihe im Jahre 1521 eine Gedenkmünze prägen, die vorne die von Wölfen angefallene Patronin zeigt mit der Umschrift : ORA PRO NOBIS DEUM SANCTA VIRGO RADIANA. Die andere Seite ziert das Portrait des Kirchenfürsten mit seinem Wappen. Solche Radegundistaler, auch aus dem Jahre 1538, befinden sich heute noch in den Museen in Salzburg und Augsburg sowie in Fürst Fugger'schem Besitz.
Um die gleiche Zeit entstanden aus der Hand des berühmten Augsburger Malers Hans Burgkmair drei Holzschnittzeichnungen, die von Matthäus Iang in Auftrag gegeben wurden und deren Originale sich in den Holzschnittsammlungen in Wien und Basel befinden. Auf einer von ihnen kniet der Erzbischof und Barockfürst demütig vor der heiligen Dienstmagd.
Im Jahr 1595 ging Schloss Wellenburg mit der Radegundiskirche und "110 Quadratkilometer umfassender Herrschaft für 70000 Gulden an Jakob Fugger III. und dessen Nachkommen über, die den Kult und die Wallfahrt weiter förderten. Im Jahre 1691 ließ Graf Anton Joseph Fugger die unter einer großen Steinplatte ruhenden Gebeine der Heiligen erheben und sie in der prachtvollen Fürstentracht seiner Zeit fassen und bekleiden. Seine Gemahlin hatte hiezu außer edlem Schmuck ihr kostbares, ganz gewobenes Vermählungskleid, geziert mit Goldfäden und phrygischer Nadelmalerei, bereitgestellt. Diesem Zurschaustellen der Gebeine ging eine Bilderschau voraus, die Stiftung von 15 Radegundis-Ölbildern durch die Grafen Fugger, von denen mehrere die Jahreszahl 1682 und das Fuggerwappen tragen. Sie illustrieren die volkstümliche Legende der hl. Radegundis und zieren heute das Kirchenschiff der Waldberger Kirche. Eine letzte Hochblüte erreichte die Weilenburg-Wallfahrt zu St. Radegund nochmals im 18.Jahrhundert. Hauptwallfahrtstage waren der Dreifaltigkeitssonntag und der 4. Sonntag nach Pfingsten, das Fest der Übertragung der hl. Gebeine, auch »Hoher Ablass« genannt wegen der von den Päpsten verliehenen Ablässe. Durch die Anstellung eines eigenen Wallfahrtspriesters durch Graf Joseph Maria Fugger wurde die Wallfahrt St. Radegund überaus gefördert und die Verehrung der Hl. Dienstmagd, die nie heiliggesprochen wurde, bei der Landbevölkerung immer beliebter. Dass diese blühende Wallfahrt zu Anfang des 19. Jahrhunderts ein jähes Ende nahm, dafür trägt nicht die Hauptschuld das Unwetter am 18. Juli 1810, als durch den Einsturz des Turmes die Radegundiskirche schweren Schaden litt, sondern weil die Drosselung des Wallfahrtswesens und die böswillige Zerschlagung von Kunst- und Kulturschätzen von Seiten des Bayerischen Staates nur mehr die Pfarrkirchen als Kultstätten anerkannte. So kamen mit der Stiftung einer Seelsorgstelle durch den Fürsten Anselm Maria Fugger (Urkunde vom 30. September 1810) die Radegundisgebeine in die neu zu errichtende Pfarrkirche zu Waldberg, nachdem sie vom 5. August 1812, dem Übereignungsjahr, bis 1818, dem Vollendungsjahr der Pfarrkirche, in dem uralten Vituskirchlein ein Provisorium gefunden hatten.
Bis zum Jahre 1976 ruhten sie in der Mensa des linken Seitenaltars, von wo sie nach dem nahen Kloster Oberschönenfeld gebracht wurden und, von Frau Dr. med. Schwester Robcrta Boucek neu gefasst und neu gekleidet, am 5. Juni 1977 im Beisein des Hochw. Domkapitulars Dr. Karl-Heinz Braun in feierlichem Zug nach Waldberg gebracht und im barocken Hochaltar beigesetzt wurden. Derselbe stammt von der eingestürzten Kirche zu Holzhausen bei Buchloe und wurde im Jahre 1975 (am 16.Dezember) in hiesiger Kirche eingebaut. Er ist zum Ausgangspunkt einer gezielten Barockisierung der Waldberger Pfarrkirche geworden, nachdem die Altarbauten des 19. Jahrhunderts in neuromanischem Stil mit viel Holz, aber wenig Kunst, vorher entfernt worden waren. Geblieben sind die vielen wertvollen Stücke, die von der nicht mehr wieder­erstandenen Kirche zu Wellenburg nach Waldberg kamen: die Altarbilder, darunter das bedeutendste von Joh. Ev. Holzer 1735 gemalt, die 15 Radegundistafeln, die schönen Barockfiguren, die hochbarocken Stuhlwangen und manches andere. Die zwei Seitenaltäre, von Prof. Weißhaar aufgezeichnet, von Schreinermeister Ottmar Luible (Wollmetshofen) gebaut und von Bildhauer Ludwig Schuster (Langenneufnach) mit Schnitzwerk versehen, kamen als helfende Glieder der barocken Architektur des Innenraumes neu dazu. Die genannten Künstler haben sich um das Gotteshaus der Hl. Radegundis in Waldberg verdient gemacht. In außergewöhnlicher Weise haben sich Mitglieder der Pfarrei und auch Freunde von auswärts hilfsbereit und liebreich der Sache St. Radegundis angenommen. Für diese große Hilfeleistung stiftete der langjährige Ortspfarrer Leonhard Haßlacher zu seinem 40jährigen Priesterjubiläum im Jahre 1979 den silbernen »Radegundistaler«. Er zeigt auf der Vorderseite die Heilige, wie sie von den Wölfen angefallen wird. Auf der Rückseite sieht man, vom Staudenwald umgeben, das Heiligtum »St.Radegund, des Waldlands Stern«